Wenn die Schönheit einen unersetzbaren, also prinzipiellen Wert hat, wovon das Unterfangen »werkgadem« ausgeht und Zeugnis abzulegen versucht, dann folgt die Frage, was das Schöne denn sei.
Wie Theodor Haecker in seinem Versuch über die Schönheit gleich eingangs voranstellt, gäbe es „kaum eine Frage, die schwieriger zu beantworten ist“, kaum eine, die „für den Philosophen schwerer faßbar und zu nichtssagenden Tautologien oder zu immer weiter wegführenden Umschreibungen geneigter wäre.“ Kurz: Die Schönheit entzieht sich der wissenschaftlichen Beschreibung, dem Zugriff überhaupt.
Das gepflückte Veilchen verdorrt, die Flügel des Tagpfauenauges werden nach seinem Tode mit der Zeit staubig und fahl.
Dasselbe und die Bilder
Das Schöne ist schön. – Eine Tautologie. Doch was sind die Ur-Tautologien? Es sind die Bilder. Natur und Kunst sind intuitiv – und auch nach reichlichem Nachdenken – die Sphäre, in denen das Schöne auftreten kann, erkennbar und fühlbar wird. Die Schönheit mag Ratio und Emotion zu verbinden, und lässt darunter noch ein Drittes erahnen. Suchen wir also die rechten Bilder, welche uns das Reich des Schönen betreten lassen.
Künstler und Dichter sind in ihrem Berufe die Verehrer des Schönen und so soll hier eine Dichtung den ersten Rundgang beschließen. Hugo von Hofmannsthal in seinen Gestalten einen Knaben und sein Werden im Bilde.
EIN KNABE
I
Lang kannte er die Muscheln nicht für schön:
Er war zu sehr aus einer Welt mit ihnen;
Der Duft der Hyazinthen war ihm nichts
Und nichts das Spiegelbild der eigenen Mienen.
Doch alle seine Tage waren so
Geöffnet wie ein leierförmig Tal,
Darin er Herr zugleich und Knecht zugleich
Des weißen Lebens war und ohne Wahl.
Wie einer, der noch tut, was ihm nicht ziemt,
Doch nicht für lange, ging er auf den Wegen:
Der Heimkehr und unendlichem Gespräch
Hob seine Seele ruhig sich entgegen.
II
Eh er gebändigt war für sein Geschick,
Trank er viel Flut, die bitter war und schwer.
Dann richtete er sonderbar sich auf
Und stand am Ufer seltsam leicht und leer.
Zu seinen Füßen rollten Muscheln hin,
Und Hyazinthen hatte er im Haar,
Und ihre Schönheit wußte er, und auch
Daß dies der Trost des schönen Lebens war.
Doch mit unsicherm Lächeln ließ er sie
Bald wieder fallen, denn ein großer Blick
Auf diese schönen Kerker zeigte ihm
Das eigne unbegreifliche Geschick.
Zuallererst ist die gelungene Dichtung wie in diesem Fall für sich schön. Doch soll an dieser Stelle mit vorsichtigem Umschreiten manche Stelle hervorgehoben werden, die dem Nachspüren, was das Schöne sei, dienlich sein könnte.
Ohne ein erstes Entfremden mit dem Selbst und der Welt, scheint keine Schönheit aufzuscheinen, denn erkennen und erfühlen vermag einer nur, was er nicht gänzlich ist. Wie im Spiegel braucht es gewissermaßen ein Doppeltes, welches sich in der Schönheit wieder vereint.
Tröstung
Trost ist die Schönheit. Wie eine Umarmung spendet sie das Ersehnte, das Verlorene und vereint, für einen Moment – denn die Schönheitserfahrung wohnt immer nur im Moment – die Seele mit dem Anderen, vereint am Ende vielleicht zwei Seelen oder gar eine?
Der große Blick
Die Schönheit hat zwei Seiten: die äußere, die wie die Schale einer Muschel ist und die Innere, ihre Perle, aber nicht als wiederum äußeres, als Schmuckstück, sondern als inwendiges, welcher die Schale Kerker ist wie der Leib der Seele Kerker ist. Die Perle, welche hier gemeint ist, ist mit der Hand nicht zu fassen, nicht mit dem Auge zu sehen. Aus dem Inwendigen jeder Schönheit bricht, als ihr Anfang und ihr Ende, ein großer Blick.
Stand [13. 05. 2025]
